09 Jul 20

Titelsammler Rast in Berlin vor seiner bislang schwersten Prüfung

Egal, in welcher Meisterschaft er antrat, irgendwann hielt René Rast meist die Trophäe für den Titel in der Hand. Neun Fahrermeisterschaften hat der 33-Jährige im Laufe seiner Karriere im professionellen Motorsport bereits gewonnen. Im August steht dem Piloten von Audi Sport ABT Schaeffler mit dem großen Finale der ABB FIA Formel E Meisterschaft in Berlin nun die bislang größte Herausforderung seiner Laufbahn bevor. Rast wagt ein Mammutprogramm, wie es bislang noch kein Fahrer absolviert hat. Und diesmal geht es für ihn nicht nur um eine Meisterschaft – es geht um seine Zukunft.

Sechs Rennen in neun Tagen stehen den Formel E-Fahrern vom 5. bis 13. August in Berlin-Tempelhof bevor. Ein solch dicht gedrängtes Rennprogramm gab es in der vollelektrischen Rennserie noch nie. Bislang wurde maximal ein Double-Header mit zwei Rennen an zwei aufeinanderfolgenden Tagen ausgetragen.

 

Schon jetzt ist klar, dass das große Finale für Teams und Fahrer ein enormer Kraftakt wird. Doch ein Fahrer toppt das Ganze noch: René Rast, der neue Pilot bei Audi Sport ABT Schaeffler, absolviert im August insgesamt zwölf Rennen in 23 Tagen – und das zum Teil auf völlig unbekanntem Terrain.

 

Der Nachfolger von Daniel Abt im Audi-Cockpit hat bislang nur ein Formel E-Rennen bestritten, zwar auch in Berlin, aber auf einer anderen Strecke und nicht im aktuellen Gen2-Fahrzeug. Neben den sechs Finalläufen der Formel E fährt Rast im August auch noch sechs weitere Rennen in der DTM.

 

Allein dieses Mammutprogramm überhaupt zu bewältigen, ist eine enorme Leistung. Doch bei Rast sollen am Ende auch die Ergebnisse stimmen. In der DTM will er nach 2017 und 2019 ein drittes Mal den Titel gewinnen, und in der Formel E geht es um seine Zukunft.

 

Bislang ist er nur für die Rennen in Berlin für das zweite Cockpit neben Lucas di Grassi gesetzt. Ob Rast auch in der kommenden Formel E-Saison 2020/2021 für Audi Sport ABT Schaeffler fahren wird, ist noch unklar.

 

„Das ist mit Sicherheit ein Bewerbungsschreiben für die nächsten Jahre. Darum muss der Job in Berlin gut werden, damit ich in der Formel E einen Platz finden kann", ist sich der gebürtige Mindener der Bedeutung der Rennen in der Hauptstadt bewusst.

 

Nach dem beschlossenen Audi-Abschied aus der DTM zum Jahresende sucht Rast ein neues Betätigungsfeld im Motorsport. Als Audi-Werksfahrer, der sein fahrerisches Können mit seinen Titeln in der DTM eindrucksvoll bewiesen hat, hat er grundsätzlich gute Karten. Aber die Resultate in Berlin sollten zeigen, dass bei ihm Entwicklungspotenzial für 2021 besteht. Denn die Ansprüche von Audi in der Formel E sind hoch. Nach dem DTM-Ausstieg wird die Formel E die einzige Rennserie sein, in der die Ingolstädter werksseitig vertreten sind. Und da will der Team-Meister von 2018 um den Titel mitfahren.

 

Rast muss also fast von null auf Hundert abliefern.

 

„Meine Erwartungen sind, hoffentlich bei der Pace zu sein und im Qualifying nicht zwei Sekunden hinten. Ich möchte es ins Mittelfeld schaffen und hoffentlich hier und da Punkte erzielen. Das wird eine große Herausforderung, in so kurzer Zeit die Abläufe zu lernen“, beschreibt er seine Zielsetzung.

 

Zwei Testtage auf dem Lausitzring hat er bereits im Audi e-tron FE06 absolviert. Mehr Streckenkilometer werden bis zu den Rennen in Berlin aber nicht mehr hinzukommen. Die restliche Vorbereitung wird im Simulator erfolgen.

 

Dass er sich sehr schnell in einer neuen Serie zurechtfinden kann, hat er in der DTM bewiesen. Gleich in seiner ersten Saison gewann er 2017 die Meisterschaft. Aber die Gewöhnung an die Formel E ist noch einmal ein anderes Level.

 

Bislang habe er erst 40 bis 50 Prozent der Formel E-Herangehensweise verinnerlicht, sagte er nach den Tests. Für Rast steht jedenfalls fest: „Formel E-Fahrzeuge gehören für mich zu den am schwierigsten zu steuernden Fahrzeugen.“

 

Der Unterschied zur DTM sei enorm: „In der DTM hast du für Qualifying und Rennen einen sehr ähnlichen Fahrstil. In der Formel E ist es anders, weil du viel mehr Power auf einer Runde im Qualifying hast. Im Rennen hingegen musst du Energie sparen. Du brauchst also zwei ganz unterschiedliche Fahrstile.“

 

Erschwerend kommt für Rast hinzu, dass die Formel E die unterschiedlichen Strecken-Layouts, die auf dem Kurs in Berlin-Tempelhof gefahren werden, erst kurz vorher bekannt gibt.

 

Deshalb ist schon jetzt klar: Sollte Rast diese schwere Prüfung im August bestehen, ist das so viel wert wie ein zehnter Titel.