22 Apr 20

Alejandro Agag: „Covid-19 ist ein Testlauf für den Zeitpunkt, an dem wir auf den Klimawandel reagieren müssen.“

Alejandro Agag, der Gründer und Vorsitzende der Formel E, erklärt, warum der Ausbruch des Coronavirus und die weltweite Aussetzung von Sportveranstaltungen eine Warnung vor der Zukunft sind, sofern wir nicht umgehend etwas gegen die Klimakrise unternehmen.

Am Samstag, den 18. April, sollten die Straßen von Paris voll mit Menschen sein.

 

Tausende von Fans wurden erwartet, um das Formel E-Rennen in der Stadt der Lichter zu verfolgen und um Hersteller wie Audi, BMW, Mercedes-Benz und Porsche dabei anzufeuern, wie sie die Grenzen der elektrischen Mobilitäts-Technologie übertreffen.

 

Leider waren diese Straßen leer.

 

Die durch den Ausbruch von Covid-19 verursachte globale Gesundheitsnotlage hat uns alle sehr erschüttert. In Ländern, die mir sehr nahe stehen – wie Spanien, Italien und das Vereinigte Königreich – nimmt diese Pandemie dramatische Ausmaße an. Die Gesundheit, die Wirtschaft und die Lebensqualität unserer Gemeinschaft sind bedroht, mit tragischen Folgen, denen Regierungen, Unternehmen und einzelne Bürger mutig gegenüberstehen. Ihnen und insbesondere den Mitarbeitern des Gesundheitswesens an der Front gilt unsere ganze Unterstützung.

 

Als Teil der Maßnahmen zur Gesundheitsvorsorge gehörte die vollständige Einstellung von Sport- und Freizeitveranstaltungen zu den ersten Aktivitäten. Die Verschiebung der Olympischen Spiele von Tokio auf das nächste Jahr, eine Maßnahme, die seit 369 n. Chr. in Friedenszeiten nicht mehr ergriffen wurde, ist die wohl frappierendste Entscheidung, die die internationale Sportwelt treffen musste. 

 

Eine totale Abriegelung durch die Regierung, wie wir sie fast überall auf der Welt beobachten, ist sicherlich ein letzter Ausweg, um einer sehr plötzlichen Gefahr wie einer Pandemie zu begegnen. Wir haben jedoch die Pflicht, über diese Krise hinaus zu schauen und zu versuchen zu verstehen, wie und wann solche Szenarien mittel- und langfristig wieder auftreten könnten.

 

Wie ich vor kurzem bei Instagram gepostet habe, sehe ich Covid-19 als Testlauf, um den richtigen Zeitpunkt zu erkennen, ab dem wir handeln müssen, um den Klimawandel zu bekämpfen. Dieser Zeitpunkt ist jetzt.

 

Warum ist das Klima für diese Krise relevant? Es gibt zwei zusammenhängende Fakten, die es zu beachten gilt.

 

Zuerst einmal ist das größte Gesundheitsrisiko unserer Zeit die Luftverschmutzung, die uns auch weniger widerstandsfähig gegen die Symptome von Atemwegsinfektionen macht, wie sie z. B. durch Covid-19 verursacht werden. In vielen Teilen der Welt wirken sich die Warnsignale der Luftverschmutzung ebenso wie Covid-19 bereits auf das tägliche Leben aus und halten die Menschen davon ab, ihre Wohnung zu verlassen.

 

Zweitens warnen Wissenschaftler davor, dass ein unkontrollierter Anstieg der Treibhausgasemissionen zu immer extremeren Wetterereignissen führen wird. Wenn wir nicht auf ihre Warnung reagieren, könnten Naturkatastrophen dazu führen, dass die Öffentlichkeit immer häufiger abgeschottet wird und das normale Leben, wie wir es kennen, einschließlich des Sports, zum Erliegen kommt.

 

Wie die konsequente humanitäre Auseinandersetzung mit der Covid-19-Krise gezeigt hat, ist es für uns noch nicht zu spät, etwas zu ändern. Der dramatische Rückgang der Umweltverschmutzung über China – und in unseren europäischen Städten – durch die Aussetzung von Reisen und die zeitweilige Schließung von Fabriken zeigt, dass es für uns nicht zu spät ist, unseren Kurs gemeinsam zu ändern.

 

So wie talentierte Ingenieure und Wissenschaftler innovative Lösungen finden, um den Kampf gegen Covid-19 zu unterstützen, wird auch die Technologie eine wichtige Rolle bei der raschen Realisierung einer saubereren Zukunft spielen. Technologische Entwicklungen werden entscheidend sein, um den Kampf gegen den Klimawandel mit einem nachhaltigen und ausgewogenen Wirtschaftswachstum vereinbar zu machen.

 

Regierungen und Unternehmen reagieren auf diese Fragen, indem sie konkrete Maßnahmen einführen und nach technologischen Lösungen zur Verringerung der Umweltbelastung suchen. Dies passiert dank einer aufmerksamen Öffentlichkeit, die sich immer aktiver an der Sensibilisierung für dieses Thema beteiligt.

 

Die Reduzierung der globalen Emissionen durch Elektromobilität ist ein Beispiel dafür, was die technologische Forschung für die Umwelt tun kann. Unter dieser Prämisse wurde 2011 die Idee der ABB FIA Formel E Meisterschaft konzipiert. Sie zeigt, dass der Elektroantrieb eine nachhaltige Alternative zu Verbrennungsmotoren ist.

 

In der Zwischenzeit haben wir gemeinsam mit unseren Partnern kontinuierlich geforscht und wichtige technologische Fortschritte erzielt, wie z. B. die in der letzten Saison eingeführten verbesserten 52 kW/h Batterien.

 

Das ist noch nicht alles. Nachhaltigkeit ist unser Schwerpunkt, wenn es um die Organisation von Rennen geht. Es ist kein Zufall, dass wir gerade unsere ISO 20121-Zertifizierung, den internationalen Standard für Nachhaltigkeit bei Veranstaltungen, erneuert haben. Wir wollen unsere Botschaft an die jüngeren Generationen und Organisationen weitergeben, und unsere Fahrer sind unsere Botschafter. Unser ehemaliger Champion Lucas di Grassi ist nicht nur Fahrer für das Team Audi Sport ABT Schaeffler, sondern auch ein Clean Air Advocate bei den Vereinten Nationen.

 

Mit der gleichen Vision in Sachen Umwelt bin ich stolz darauf, die Extreme E-Rennserie ins Leben gerufen zu haben. Bei dem Offroad-Pendant zur Formel E werden 100% elektrisch angetriebene SUVs an abgelegenen Orten der Erde fahren, die auch aus Klimasicht am meisten gefährdet sind. Wir bieten nachhaltige Mobilität als eine mögliche Lösung an und nutzen unsere Ressourcen, um positive Projekte umzusetzen, die auf die jeweiligen lokalen Bedürfnisse abgestimmt sind.

 

Die Rennserie wird 2021 beginnen und ein neues Konzept im Off-Road-Rallyesport darstellen, mit Rennen in Gebieten, die bereits durch den Klimawandel geschädigt sind – etwa die Gletscher in Grönland oder die Regenwälder im Amazonasgebiet.

 

Die Herausforderungen, mit denen wir alle derzeit konfrontiert sind, könnten sich in den kommenden Jahren aufgrund des Klimawandels durchaus wiederholen. Nicht nur in den abgelegenen Gebieten, in die wir mit Extreme E reisen, sondern auch in den Städten und Gemeinden, in denen wir täglich leben, arbeiten und spielen.

 

Solange Covid-19 noch in den Köpfen ist, sollten wir alles daran setzen, dass sich dies nicht wiederholt. Heute ist der Tag der Erde, aber das sollte auch jeder andere Tag im Kalender sein. Die Arbeit muss jetzt beginnen.