26 Jan 19

Analyse des Rennens von Santiago: Rookie Wehrlein triumphiert, Envision übernimmt die Führung und Audi ist „immer noch nicht zufrieden“  

In der sengenden Hitze der Sommersonne in der chilenischen Hauptstadt Santiago hatte das Feld mit den Reifen zu kämpfen. Sam Bird von Envision Virgin Racing war es, der sich nach diversen Ausfällen gegen den Rest durchsetzen konnte. In jedem der drei Rennen dieser neuen ABB FIA Formula E Championship stand jeweils ein anderer Fahrer ganz oben auf dem Treppchen – und jeder davon unerwartet. Die wohl unberechenbarste Saison der rein elektrischen Rennserie geht am 16. Februar in Mexiko weiter. Da stellt sich die Frage, welche Lehren sich aus dem Showdown in Santiago ziehen lassen.  

Abt beweist, dass Audi die Pace gehen kann, ist aber „immer noch nicht zufrieden“

„Nach zwei harten Rennen ist der dritte Platz natürlich eine tolle Sache für mich, aber ich glaube nicht, dass ich zu hundert Prozent dabei bin. Ich muss noch etwas Selbstvertrauen aufbauen“, sagt Daniel Abt von Audi Sport Abt Schaeffler. Nach wertvollen 16 Punkten (15 für den dritten Platz und einem für schnellste Runde) in Santiago liegt das deutsche Herstellerteam nun auf Rang fünf in der Meisterschaftswertung.  

„Heute war die Devise, für das Team auf Nummer sicher zu gehen und Punkte zu holen. Wir wollten nichts riskieren.

Ich habe das Gefühl, ich muss mich noch ein wenig verbessern. In diesem Auto muss man sich ganz und gar selbst vertrauen. Ich habe noch keine perfekte Harmonie mit dem Auto erreicht – in der letzten Saison war das so.“

Nach dem Podium liegt der deutsche Fahrer nun auf Platz sieben, ganze sechs Plätze vor seinem Teamkollegen Lucas di Grassi, der in der fünften Saison der Formula E noch keine Präsenz gezeigt hat. Während sich in der vergangenen Saison gezeigt hat, dass Audi in der Lage ist, sich neu zu erfinden, muss es für den deutschen Kader eine bittere Pille sein, dass mit Envision Virgin Racing ein Kundenteam mit derselben Hardware in der Meisterschaft führend ist.    

Obwohl er es in Santiago auf das Podium geschafft hat, ist der der deutsche Fahrer Abt mit einer Performance noch nicht zufrieden. 

Bird bringt Envision an die Spitze, Audi bleibt zurück

„Wir haben uns aus einem bestimmten Grund für Audi entschieden – sie verfügen über erstaunliche Ressourcen“, sagt Santiago-Gewinner Sam Bird zuversichtlich. Nachdem das vom Hersteller unterstützte Team Audi Sport Abt Schaeffler in der vergangenen Saison die Team-Meisterschaft gewonnen hatte, war bewiesen, dass es die wohl beste Hardware in Formula E hat. Darum hat sich das Privatfahrer-Team Envision Virgin Racing für den Audi-Antriebsstrang entschieden, um seine Gen2-Fahrzeuge für die fünfte Kampagne damit auszustatten. Bisher ein voller Erfolg. Vielleicht sogar zu erfolgreich, sagen einige Stimmen. Mit zwei Podiumsplätzen in Marrakesch und dem Sieg von Bird in Santiago führt das Kundenteam die Meisterschaft an und verweist Audi mit einem Abstand von 41 Punkten auf den fünften Rang.

„Dank der Hilfe von Audi Sport, dem Know-how der Dateningenieure, die die Pace optimiert haben, und den Mechanikern habe ich es bis hierher geschafft. Wir konnten Zeit gutmachen und aus Fehlern lernen“, sagt Bird. 

Gute Nachrichten für die „Underdogs“, aber eine harte Wahrheit für die mächtigen Hersteller. Aber dies ist die Formula E. „In dieser Meisterschaft kann einfach alles passieren“, fügt Bird hinzu.  

Kampf mit harten Bandagen in Santiago

Im Parque O'Higgins in Santiago waren Rempler, Schrammen und Kratzer die Regel. Lediglich 13 Autos und Fahrer schafften es über die herausfordernde, 2,348 km lange Strecke bis ins Ziel. 

„Ich hatte bestimmt 15 Berührungen während des Rennens“, sagt Oliver Rowland von Nissan e.dams über das Chaos. 

„Mal wird man von hinten geschubst, mal schubst man andere. Ein bisschen wie auf der Kirmes – es macht einfach Spaß.“ 

„Ich habe hart und meistens auch fair gekämpft.“

Nachdem es mit Felipe Massa (Venturi) in Marrakesch recht eng war, kämpfte Rowland auch in Santiago mit dem Brasilianer. Der Lack der beiden Rennwagen kam im Parque O'Higgins nicht ungeschoren davon.  
 
„[Massa] wurde von einem der Dragons in der letzten Kurve abgedrängt und ich konnte mich mit durchdrängeln. Auf der Innenseite fahrend habe ich ihn am Kurvenausgang touchiert. Ich habe nicht mit ihm gerechnet. 

Wir haben einige Rempler ausgetauscht – aber das hat Spaß gemacht. Ich weiß nicht, ob er sauer auf mich ist, und es interessiert mich auch nicht wirklich. In Marrakesch hat er beim Fahrerbriefing ein bisschen Wind gemacht – so ist das eben. Man fährt ein hartes Rennen und da muss man auch einstecken können. Vielleicht ziehe ich das nächste Mal den Kürzeren.“ 

Von null auf hundert: ROOKIE WEHRLEIN fährt aufs Podium

„Ich bin einfach nur glücklich, es geschafft zu haben“, sagt Pascal Wehrlein von Mahindra Racing. Er ist sichtlich erleichtert darüber, dass er nicht nur sein erstes vollständiges Rennen in der Formula E beendet hat, sondern dabei sogar aufs Podium kommt.

„Heute konnte ich mein erstes Rennen in der Formula E bis zum Ende fahren – das andere in Marrakesch lief nicht so gut! Was soll ich sagen? Es ist der Wahnsinn!“ 

„Ich saß am Ende des Rennens im Auto und dachte mir so: ‚Oh mein Gott, ich hätte das Rennen gewinnen können.‘ Das hat mich natürlich geärgert, aber seit dem Aussteigen werde ich von Minute zu Minute glücklicher.  

 Wichtig war, auf der Ideallinie zu bleiben. Abseits der Linie lagen viele Trümmer und Abrieb. Wer von der Linie abkommt, fährt wie auf Eis.

Letztendlich war nicht der Akku entscheidend, sondern die Temperatur. Ich hatte noch jede Menge Saft, den ich gerne benutzt hätte, aber es ging [aufgrund von Teamorders] nicht. Ohne die Order hätte ich Tempo wie ein Wahnsinniger gemacht“, sagt der Rookie mit einem Lächeln. 

Der Deutsch-Mauretane stießt erst vor wenigen Monaten, im Oktober, vor den vorsaisonalen Tests in Valencia zum Team Mahindra Racing. Jetzt holte er sich den zweiten Platz, obwohl er zu den Fahrern mit der wenigsten Erfahrung in rein elektrischen Rennwagen gehört. Doch der Rennsport ist Wehrlein nicht fremd: Von der Formel 1 bis zur DTM hat er bereits alles erlebt. Dennoch sagt Wehrlein, er habe „noch nie so viel Spaß gehabt“, seit er zu Saisonbeginn zur Formula E kam.  

„Es ist immer toll, wenn man anreist und gute Arbeit leistet, die einem die Chance auf einen Podiumsplatz oder den Rennsieg bietet. Die vergangenen Jahren waren großartig, aber Position 15 oder 10 als Ziel vor Augen ist doch etwas ganz anderes. 

Momentan freue ich mich sehr, dass ich um den Sieg kämpfen kann … ich bereue die Entscheidung für die Formula E kein bisschen.“ 

Pascal Wehrlein (Mahindra) holt sich in seinem ersten vollständigen Formula E Rennen in der glühenden Hitze von Santiago den zweiten Platz. 

Nicht cool genug für die Hitze? 

Für acht unserer Fahrer brannte die sengende Sommersonne im Parque O'Higgins in Santiago wohl zu stark, denn sie konnten ihr Rennen – größtenteils aufgrund von Beschädigungen am Auto – nicht beenden. 13 Piloten steuerten ihre Gen2-Autos trotz aller Widrigkeiten bei einem der härtesten Rennen in der Formula E und Streckentemperaturen von teilweise mehr als 62 Grad Celsius dennoch ins Ziel. „Es war ein wirklich, wirklich hartes Rennen und extrem heiß“, sagt Daniel Abt, nachdem er im bisher heißesten Rennen der Formula E Dritter wurde.