12 Jan 19

Analyse des Rennens von Marrakesch: d'Ambrosio Spitze, „Idiot“ JEV sorgt für Chaos, brasilianische Retourkutsche

BMW und der katastrophale Augenblick der Selbstüberschätzung 

„Wir sind hier in eine Lage geraten, für die ich allein die Verantwortung trage“, räumt Antonio Felix da Costa von BMW i Andretti Motorsport ein. 

„Er hat mich angegriffen, ich habe mich verteidigt und dabei versagt. Da war mein Rennen vorbei und dass hätte ich merken müssen – ich habe ihn nur Plätze gekostet.“ 

Nachdem der Portugiese den Sieg beim Saisonauftakt in Saudi-Arabien errungen hatte, war ein weiterer Sieg, gar ein Doppelsieg, sicher, denn die BMW hatten sich zur Rennmitte vom Rest des Feldes abgesetzt. Mit einem komfortablen Vorsprung hatte Sims den Spitzenplatz fest im Visier, wurde jedoch von seinem Teamkollegen herausgefordert. Diese Herausforderung sollte beide Fahrer den Podiumsplatz kosten.  

„Ich war einfach hungrig und wollte heute wirklich gewinnen. Zwei Jahre lang habe ich hart gearbeitet. Ich wollte unbedingt gewinnen. Jetzt habe ich den Salat. Ein Riesenschlamassel! 

Ich bin ganz offen und übernehme die volle Verantwortung, damit wir nach vorn blicken können. 

Wir hätten sicher gewonnen. Ganz sicher. Ich wollte unbedingt gewinnen, aber jetzt stehe ich mit leeren Händen da. Ein zweiter Platz wäre so toll gewesen. Das war mir eine Lehre!“ 

D'Ambrosio erkämpft sich die Spitze der Meisterschaft

„Das Rennen war wirklich hart umkämpft“, sagt Jerome d'Ambrosio von Mahindra Racing, der sichtlich erleichtert und überwältigt war, nachdem er zum ersten Mal in seiner Formula E-Karriere den Spitzenplatz auf dem Podium erreicht hatte. Seine beiden anderen Siege in der Serie hatte er durch Disqualifikation anderer Fahrer gewonnen. 

„Nach einem Start auf P10 hätte ich das nicht gedacht.

Ich sah ein paar Chancen, griff einige Runden lang an, konnte ein paar Positionen gutmachen und auch halten. 

Dieses Rennen zu gewinnen war für uns in den letzten Wochen harte Arbeit. Wir arbeiten weiterhin hart und verbessern uns ständig.“ 

Mit weiteren 25 Punkten nach den 15 Punkten für seinen dritten Platz in Saudi-Arabien führt der Belgier die Meisterschaft nun mit 12 Punkten vor da Costa und Jean-Eric Vergne (DS Techeetah) an. In Anbetracht der Tatsache, dass d'Ambrosio in der vergangenen Saison insgesamt nur Vierzehnter wurde, hat er bereits die mageren 28 Pünktchen übertrumpft, die er im Verlauf der Saison 2017/18 in nur zwei Rennen erzielt hatte. Beeindruckend? Auf jeden Fall! Erwartet? Sicherlich nicht. Aber das hier ist die Formula E – und da ist alles möglich.  

Nach dem dritten Platz in Saudi-Arabien und einem Sieg in Marrakesch führt d'Ambrosio die Meisterschaft an. In nur zwei Rennen hat er bereits mehr Punkte gesammelt als in der gesamten Vorsaison.

Brasilianische Retourkutsche

Beim saudischen Showdown vor wenigen Wochen lieferten sich Nelson Piquet Jr. (Panasonic Jaguar Racing) und Audi Sport Abt Schaeffler einen Schlagabtausch, der einen der ältesten Streits der Serie neu entflammen ließ. Aber niemand hätte gedacht, dass der Brasilianer Felipe Massa hineingezogen würde.

Nach einem etwas verdächtigen Manöver des ehemaligen Formel-Eins-Piloten während des 2. Freien Trainings verlor Nelson Piquet Jr. keine Zeit, ihn als „Amateur“ zu titulieren. Harter Tobak, aber das war noch nicht alles. Nach dem Rennen zahlte Massa es mit einer Verbalattacke auf gleichem Niveau zurück.

Herausforderung Formula E – neue Gesichter haben es schwer 

Ein schwarzer Tag für die HWA-Piloten Stoffel Vandoorne und Gary Paffet (amtierender DTM-Champion), die Beschimpfung von Felipe Massa als „Amateur“ und das Aus für Pascal Wehrlein (Mahindra) nach nur 10 Sekunden: Die Formula E ist wahrlich kein gemütlicher Spaziergang. Mit einem der besten Fahrer-Line-Ups der Welt erweist sich das vollelektrische Straßenrennen erneut als gewaltige Herausforderung, in der einige der qualifiziertesten Neueinsteiger noch immer keinen einzigen Punkt erzielt haben.   

Sämtliche Fahrer- und Teamwertungen nach dem E-Prix von Marrakesch finden Sie hier:

Envision Virgin Racing zeigt es den Herstellerteams

Mit insgesamt acht globalen Automarken in der Startaufstellung und zwei weiteren in der kommenden Saison (Porsche und Mercedes) sind Herstellerteams in der Formula E gut vertreten. Trotzdem zeigte Envision Virgin Racing – eines der wenigen nicht an einen Hersteller gebundenen Teams in der Meisterschaft – den Herstellerteams, wo der Hammer hängt. Zwei Plätze auf dem Podium in Marrakesch sprechen eben eine mehr als deutliche Sprache. Obwohl beide Fahrer vor dem Rennen einen Schaden erlitten hatten, als Tom Dillmann von NIO nach dem Qualifying in der Boxengasse auf sie auffuhr, kämpften Frijns und Bird gut. Sie hielten sich aus dem Chaos heraus und sicherten sich so den zweiten und dritten Platz. Nach Marrakesch liegt das Team hinter DS Techeeath, BMW i und Mahindra Racing auf Rang vier. Der Kampf um die Krone in der Formula E ist also immer noch offen.

Obwohl beide Envision-Autos durch einen Auffahrunfall vor dem Rennen beschädigt wurden und nicht auf Herstellerunterstützung zählen konnten, sicherte sich Virgin Racing zwei Plätze auf dem Podium. 

„Idiot“ JEV verursacht Chaos, entschuldigt sich aber nicht für seinen „größten Fehler in der Formula E“ 

„Ich war ein Idiot“, sagt der Franzose kurz nach dem Rennen. Sein Dreher war die Folge seines gewagten Manövers nur wenige Sekunden nach Rennstart und sorgte in Kurve 1 für Chaos im gesamten Feld. 

„Natürlich hält man immer Ausschau nach einer Lücke und greift an – aber da habe ich mich wohl selbst überschätzt.

Ich war echt ein Idiot, denn das war völlig unnötig. Meine Pace hätte heute locker für den ersten Platz gereicht. Ich habe danach 16 Sekunden gutgemacht und 15 Fahrzeuge überholt. 

Ich werde mich nicht dafür entschuldigen, dass ich es versucht habe, so viel ist sicher. Wer nicht wagt, fällt zurück. Das ist Teil des Spiels und Teil des Motorsports. 

Das war wohl mein größter Fehler in der Formula E. Trotzdem habe ich es noch auf Platz 5 geschafft. Und das ist wirklich nicht schlecht. 

Für Santiago werde ich nichts ändern. Ich bin wer ich bin – jeder kennt mich. Ich nutze jede Chance zum Überholen und werde das nicht ändern“, sagt er mit einem wissenden Lächeln.