17 Feb 19

Analyse des Rennens von Mexiko: Unfallchaos wirft Energiehaushalt über den Haufen, der Meister von Mexiko kehrt zurück

„Das war vermutlich das beste Formula E Rennen meiner Karriere“, sagt Lucas di Grassi von Audi Sport Abt Schaeffler und grinst von einem Ohr zum anderen, nachdem er bei einem der chaotischsten Rennen in der Geschichte der ABB FIA Formula E Championship den ersten Platz geholt hat. 

Kurz gesagt begann alles mit einem ziemlich großen Knall und endete mit einem der wohl stärksten Finishes in der Geschichte des Motorsports. In Mexiko zeigte ein Großmeister des Motorsports, dass er es noch drauf hat. Nach einer katastrophalen Kollision regierten das Chaos und die Unberechenbarkeit. Außenseiter überwanden alle Widrigkeiten und behaupteten ihre Stellung an der Spitze der Meisterschaft. Mexiko-Stadt, es war uns ein Vergnügen. Und das sind die Lehren und Highlights des CBMM Niobium Mexico City E-Prix 2019. 

Der Meister von Mexiko-Stadt ist zurück

Lucas di Grassi (Audi) bringt den Wahnsinn von Mexiko auf eine einfache Formel: „das beste Formula E Rennen meiner bisherigen Karriere“. Eiskalt und gewitzt legte der ehemalige Champion sich seine weniger erfahrenen Ziele – nämlich Oliver Rowland und Pascal Wehrlein – zurecht, um sich in den letzten Sekunden des Rennens den Sieg zu sichern. 

„Ich wusste, dass [Wehrlein] die Energie ausgeht“, sagt di Grassi mit einem wissenden Lächeln. 

„Ich habe Druck gemacht, versucht zu überholen und in den letzten fünf Runden wusste ich, dass ich mehr Energie habe. 

In der letzten Schikane konnte ich sehen, dass er die Tür zumachte, und bin nach außen gezogen. In der letzten Runde war ich hinter ihm, tat so, als würde ich es an der Außenseite versuchen. Er hat eine kleine Lücke zur Mauer geöffnet, gerade groß genug für mein Auto. Die habe ich genutzt.“

Damit schnappt sich di Grassi in Mexiko-Stadt zum zweiten Mal in seiner Formula E-Karriere (nachdem er 2017 gewonnen hat) den ersten Platz. Für Audi bedeutet das in der mexikanischen Hauptstadt eine gute Bilanz: insgesamt drei Siege in vier Rennen. Die dringend benötigten Punkte katapultieren den ehemaligen Champion in der Wertung mit insgesamt 34 Punkten auf den vierten Rang. Ob der alte Meister sich damit die Chance auf einen weiteren Titel sichert? Wir werden sehen.

Unfallchaos wirft Strategien über den Haufen

Nur fünf Minuten nach Rennstart hob Nelson Piquet Jr. von Panasonic Jaguar Racing nach einem gewaltigen Zusammenstoß mit dem amtierenden Champion Jean-Eric Vergne (DS Techeeath) ab und flog über die Strecke.

„Er hat verteidigt, weil er schlecht rausgekommen ist, und dann zu früh rekuperiert. Ich habe nicht damit gerechnet, dass er so früh bremst“, so Piquet Jr. „Ich kann mich an alles erinnern: den Zusammenstoß, den Aufschlag, alles.“   

„Ich war innen und er hat vergessen zu bremsen. Er hat mich davor bestimmt schon dreimal berührt. Keine Ahnung, was in ihm vorgeht“, sagt JEV dazu, der ganz offensichtlich ungehalten darüber ist, schon zum zweiten Mal in dieser Saison punktlos zu bleiben.  

Das Auto des Brasilianers lag völlig zerstört am Ausgang der Schikane, hinter sich eine Spur von Trümmern über die Strecke verstreut. Ein echtes Minenfeld für das herannahende Feld. In dieser Situation war die Rote Flagge unvermeidbar. Und das bedeutete auch das Aus für jede noch so ausgetüftelte Strategie. Nun, dies ist schließlich die Formula E, in der man das Unerwartete erwarten muss. 

Rookies müssen Federn lassen, Erfahrung setzt sich durch

Das Drehbuch für dieses Rennen wies bereits nach fünf Minuten seinen ersten Höhepunkt auf. Doch dabei sollte es nicht bleiben. Nachdem die Trümmer aufgeräumt waren, jagte ein chaotisches Ereignis das nächste. Die Leidtragenden waren zwei vielversprechende Rookie-Piloten, die ihre Hoffnung auf einen Podiumsplatz begraben mussten. Die Rote Flagge brachte die Rennstrategie der Teams in Schieflage, verlängerte sie doch die Renndauer auf einen Schlag. Rookie-Pilot Oliver Rowland (Nissan e.dams) und sein Teamkollege Sebastien Buemi fielen wegen einer strategischer Fehlplanung nur wenige Meter vor der Ziellinie aus Mangel an Energie zurück, nachdem sie bis dahin klare Podiumsanwärter waren. „Es gab einen Fehler bei der Anzahl der verbleibenden Runden. Wir haben uns vertan“, sagt Rowland. 

„[Das Energiemanagement] ist vermutlich eines der einfachsten Dinge in der Formula E, aber irgendwie ging das deutlich schief … Als wir über die Linie fuhren, waren wir sicher, im Ziel zu sein. Falsch gedacht“, gibt der britische Fahrer zu.  

Noch bitterer muss es Pascal Wehrlein, dem Rookie von Mahindra Racing, geschmeckt haben: Sein zweites Podium zum Greifen nah, noch dazu sein erster Sieg, doch dann zerstörte di Grassi seine Podiumshoffnungen im letzten Augenblick mit einem gewagten Manöver. 

„Natürlich bin ich sehr glücklich darüber, wie die Dinge heute gelaufen sind – bis auf die letzte Runde“, so Wehrlein. 

„Rowland hat von Anfang an viel Druck gemacht. Um das Rennen zu beenden und vorn zu bleiben, musste ich auch etwas mehr Energie verbrauchen. Am Ende versuchte ich, meine Position gegen di Grassi zu verteidigen, aber es ging nicht mehr“, erklärt der Mahindra-Fahrer, der sich immer noch mit der heftigen Niederlage abfinden musste. Vergleicht man seine drei Rennen mit den 49 von di Grassi, wird offensichtlich, dass Erfahrung im rein elektrischen Rennsport viel Gewicht hat. 

Di Grassi bringt Wherlein in Mexiko-Stadt um den Sieg – diese knappe Autolänge dürfte als Highlight in die Annalen des Motorsports eingehen 

Wenn Underdogs den Ton angeben 

Was für ein Wahnsinnsrennen in Mexiko-Stadt! Nachdem wir wieder klar sehen können, liegt Jerome d'Ambrosio (Mahindra Racing) mit 53 Punkten an der Spitze der Wertung, gefolgt von Antonio Felix da Costa (BMW i Andretti Motorsport) auf dem zweiten und Sam Bird (Envision Virgin Racing) auf dem dritten Rang. Die amtierenden Champions Audi Sport Abt Schaeffler und Jean-Eric Vergne (DS Techeetah) sucht man hier vergebens. Für den Fahrer von DS Techeetah ist das Rennen in Mexiko auch ein ganz persönliches Debakel: Sein zweites Rennen ohne Punkte in Folge wirft ihn auf Rang acht in der Gesamtwertung zurück. Wenn wir in dieser Saison bisher etwas gelernt haben, ist es dies: Erwarte das Unerwartete und unterschätze niemals die Underdogs. 

Mit seinem ersten Podiumsplatz seit Hongkong 2017 gehörte Edoardo Mortara (Venturi) eher nicht zu den Piloten, die wir im Autodromo Hermanos Rodriguez dort erwartet hätten. „Wir sind bei weitem das kleinste Team. Wenn man sieht, dass wir gegen Audi und BMW kämpfen, dann ist das bereits eine Riesenleistung“, erklärt der Schweizer. „Das zeigt das technische Niveau, das wir bei Venturi haben – einfach der Wahnsinn!“ 

Antonio Felix da Costa (BMW i) beweist, dass eine miserable Saison 2017/18 nichts über die aktuelle Leistung aussagt: Ein erster Platz in Saudi-Arabien und ein zweiter Platz in Mexiko-Stadt pushen ihn auf den zweiten Platz in der Fahrerwertung. Zum Vergleich: Zur selben Zeit lag er im Vorjahr mit 16 Punkten auf Platz 12.  „Über Funk wurde mir gesagt, dass die Nissans anhalten müssten. Und hinter der nächsten Kurve war sie auch schon da, diese fahrende Schikane“, berichtet der BMW-Fahrer. „Als ich an ihnen vorbeizog, war mir klar, dass ich es auf das Podium schaffen würde … Davor hatte ich wirklich nicht damit gerechnet!“ 

In dieser fünften Saison der ABB FIA Formula E Championship konnte mit Jerome d'Ambrosio (Mahindra Racing) auch ein weiterer Fahrer sein Profil schärfen und seine Heldenqualitäten unter Beweis stellen. Wie da Costa war auch d'Ambrosios Aufstieg von einem 14. Platz in der Vorsaison an die Tabellenspitze alles andere als vorhersehbar. Zwar hat der Belgier das Podium verpasst, aber er zeigte in Mexiko-Stadt Kampfgeist. „Für mich persönlich war es ein fantastisches Rennen. Ich bin als 19. gestartet und habe es auf dem vierten Platz beendet“, sagt d'Ambrosio.

„Der vierte und der sechste Platz sehen vielleicht nicht so toll aus, aber im Gegensatz zu unseren Konkurrenten haben wir gute Punkte mitgenommen und führen jetzt die Teamwertung an. Das ist toll“, freut sich der erfahrene Formula E Fahrer.

Jerome d'Ambrosio von Mahindra führt die Meisterschaft an, nachdem er in der letzten Saison den 14. Platz erreicht hatte In der Formula E ist alles möglich.