Berlin, Germany|20 Mai, 2018

Analyse: Abts Sieg in Berlin „wie ein Traum“

„Ich habe das Gefühl zu träumen!“, sagte ein bewegter Daniel Abt (Audi Sport Abt Schaeffler) beim Sonnenuntergang vor dem alten Terminal des ikonischen Berliner Flughafens Tempelhof. Nur wenige Wochen nach dem Heimsieg von Jean-Eric Vergne (Techeetah) in Paris gab es in der ABB FIA Formel E Meisterschaft einen weiteren Heimsieg, den dritten in der Geschichte der Rennserie nach Sam Bird (DS Virgin Racing) in London und JEV in Paris. „Das Heimrennen zu gewinnen war schon immer mein Ziel gewesen. Und es dann noch mit einem Doppelsieg und der maximalen Punktzahl zu krönen … das fühlt sich immer noch ein wenig irreal an … ich habe heute jede Sekunde genossen.“

Abt hatte einen perfekten Renntag mit ganzen 29 Punkten: Er holte die Julius Bär Pole Position (drei Punkte), die Visa Fastest Lap (einen Punkt) und natürlich alle 25 Punkte für den ersten Platz. Und hinzu kam bei seinem offensichtlich erfolgreichsten Tag seiner Karriere, dass er seinen Teamkollegen Lucas di Grassi zu einem Doppelsieg anführte. „Als ich im Kartsport in Deutschland aufwuchs, gab es kein Rennen in Berlin und keine Formel E. Glücklicherweise hat aber jemand in die Rennserie investiert, uns hierhergebracht und mir diese Chance gegeben – es war ein unglaublicher Tag!“ Nun steht der Deutsche mit 85 Punkten auf dem vierten Platz in der Fahrerwertung, lediglich einen Punkt hinter Felix Rosenqvist von Mahindra Racing auf dem dritten Platz, der momentan Schwierigkeiten zu haben scheint, mit der Konkurrenz mitzuhalten.

„Di Grassi hinter sich zu haben ist immer eine Gefahr! Aber ich bin der Meinung, dass ich gezeigt habe, dass ich ihm die Stirn bieten kann und das ist gut so“, fügte Abt selbstsicher hinzu. Der Brasilianer lag am Ende zwar ganze sechs Sekunden hinter seinem Teamkollegen, holt aber nach einer miserablen ersten Saisonhälfte weiter auf. Er hatte in Mexiko-Stadt seine ersten Punkte geholt und seitdem stand er jedes Mal auf dem zweiten Platz. Ein Sieg blieb ihm bislang jedoch verwehrt. Er steht in der Fahrerwertung nun auf dem sechsten Platz – zwei Plätze hinter Abt – und es scheint, dass der Lehrling vor dem Meister liegt. „Zunächst möchte ich Daniel gratulieren – er hat den Sieg heute wirklich verdient“, sagte di Grassi. „Jedes Rennen in der Formel E kann unterschiedlich sein. Wir können in Zürich beispielsweise eine völlig andere Leistung zeigen und dann in New York kann es wieder anders verlaufen. Man weiß es nicht. Wir sollten uns heute also darüber freuen, dass wir hier einen guten Job abgeliefert haben, weiter gute Arbeit leisten und dann werden wir sehen, wie es läuft.“

Das Podest vervollständigte der Führende der Fahrerwertung Jean-Eric Vergne, der mit Sebastien Buemi von Renault e.dams um den dritten Platz kämpfen musste. Der Franzose hielt die Oberhand und konnte somit seinen Vorsprung in der Fahrerwertung um weitere 9 Punkte ausbauen. Sam Bird von DS Virgin Racing liegt in der Fahrerwertung weiterhin auf dem zweiten Platz und JEV hat nun auf seinen nächsten Konkurrenten 40 Punkte Vorsprung. Es stehen lediglich noch drei Rennen in der Meisterschaft aus, der wichtige Meisterschaftstitel ist also in JEVs Reichweite. Als man ihn fragte, warum er so relaxed auf seinem Stuhl sitze, antwortete er mit einem lässigen Lächeln: „Ich habe in den letzten vier Rennen drei Siege und einen Podestplatz eingefahren und konnte meinen Vorsprung in der Fahrerwertung ausbauen, warum sollte ich also nicht relaxed sein?“ Der Franzose mag zwar sein jüngstes Glück genießen, es ist jedoch eindeutig das Ergebnis harter Arbeit.

Sebastien Buemi von Renault e.dams verpasste das Podest abermals knapp, da er den Kampf mit JEV um Platz drei mehrere Male im Rennverlauf verlor. „Ich bin vierter und habe ein paar Punkte geholt, aber ich bin ein wenig enttäuscht, nicht auf das Podest steigen zu können“, sagte Buemi. „Wenn man da ist und es fühlt, dann ist es ein wenig schade, aber ich freue mich bereits auf das nächste Rennen. Ich muss versuchen, das Beste aus diesem Wochenende herauszuholen und nun beginnt die Vorbereitung auf Zürich.“ Der ehemalige Champ konnte diese Saison nur recht enttäuschende Leistungen hinlegen, wenn man sie mit den vorherigen vergleicht. Denn er konnte nicht an seine damaligen Leistungen anknüpfen und befindet sich nun mit 82 Punkten auf dem fünften Platz der Fahrerwertung. Die Hoffnungen auf einen zweiten Titel sind somit minimal.

Wo wir schon gerade über Kämpfe sprechen, wurde der härteste Kämpf auf jeden Fall von Andre Lotterer (Techeetah) ausgetragen. Denn er konnte trotz einer 10-Platz-Strafe aus dem Rennen in Paris von ganz hinten bis auf den neunten Platz klettern. „Von hinten zu starten und zahlreiche Autos zu überholen war eine neue Erfahrung für mich. Ich bin überzeugt, dass ich Energie sparen und diese für Überholmanöver nutzen kann“, sagte der Deutsche. „Diese Strecke bietet natürlich einige Möglichkeiten, ich musste aber geduldig sein. Ich habe zunächst einiges an Energie gespart, meine Reifen geschont und sie mir dann einzeln vorgenommen. Obwohl ich beim Boxenstopp zehn Sekunden stehen bleiben musste, was Teil meiner Strafe aus Paris war, konnte ich wieder zurückfinden und mit dem neunten Platz Punkte mitnehmen. Ganz ehrlich, besser hätten wir es nicht machen können.“ Da Lotterer in Berlin nur zwei Punkte holen konnte, steht er mit 43 Punkten in der Fahrerwertung nun auf dem 10. Platz. Für den ehemaligen Langstrecken-Meister ist der Titel außer Reichweite, er hat sich jedoch gut in die vollelektrische Rennserie eingefügt und wird diese Leistung auch versuchen, nach Zürich mitzunehmen. „Neue Strecke sind für mich immer gut und ich möchte gerne meinen ersten Sieg holen. Ich komme also motiviert [nach Zürich]. Ich werde immer besser … das Fahrzeug ist gut, das Team auch, also los.“


Neben dem gewöhnlichen Formal und den gewöhnlichen Gesichtern gab es in Berlin auch einen Blick auf die Zukunft der Formel E. Denn Nico Rosberg kam das erste Mal seit 2016, wo er seine Karriere im Rennsport beendete, auf die Strecke zurück, als er unser Gen2-Fahrzeug durch die Straßen von Berlin fuhr, bevor er es über die Strecke jagte. Seht euch seine Fahrt im Video unten an.

Es wurde jedoch nicht nur das Gen2-Fahrzeug das erste Mal offiziell gefahren, auch der Jaguar I-Pace eTrophy erhielt seine erste Fahrt in der Öffentlichkeit und es war der Gründer und CEO der Formel E Alejandro Agag, der hinter dem Steuer saß. Die I-Pace eTrophy wird als Support-Rennserie für die Meisterschaft laufen und ab der Saisoneröffnung in Riad an den Start gehen.

Es standen jedoch nicht nur die Autos im Vordergrund – es gab auch (fast) neue Gesichter im Fahrerlager. Stephane Sarrazin (MS&AD Andretti) kam diese Saison das erste Mal zurück zur Formel E und belegte den letzten Platz. Tom Dillmann fuhr für Venturi Formula E und holte sich einen respektablen 13. Platz, obwohl er wenige Runden vor Ende auf dem 10. Platz und somit in den Punkten lag. Bei ihrem Heimrennen schafften es alle deutschen Fahrer in die Top 10 und das Publikum sah schon vor dem Rennen einen engen Kampf, da alle 20 Fahrer im Qualifying weniger als eine Sekunde – 0,998s – auseinanderlagen.

Das war’s aus Berlin für diese Saison, denn die Meisterschaft fährt nun für das letzte Rennen in Europa in das schweizerische Zürich. In der Schweiz wird das erste Mal seit mehr als 60 Jahren ein Streckenrennen ausgetragen, am 10. Juni werden also alle 20 Fahrer beim ersten Zürich E-Prix auf der 2,46 km langen Strecke antreten. Diese führt an dem See und dem Arboretum vorbei, in die Altstadt und wieder zurück zur Start-/Ziellinie im Hafen Enge.

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