Zurich, Switzerland|11 Juni, 2018

Rennanalyse: Sam Bird - „Ich muss JEV schlagen, ganz einfach“

Vom Geschichte schreiben kann Lucas di Grassi von Audi Sport Abt Schaeffler euch ein Lied singen, denn er holte sich bei dem ersten Rundstreckenrennen in der Schweiz seit mehr als 64 Jahren den Sieg. Bravo, di Grassi, dieser Sieg ließ lange auf sich warten und nicht nur du hast auf ihn gewartet.

Der amtierende Champion holte nach einem desaströsen Saisonbeginn seinen ersten Saisonsieg beim ersten 2018 Julius Bär Zürich E-Prix, was sein fünfter Podestplatz in Folge war. Während er Doughnuts kurz nach seinem Sieg machte, winkte er den Fans zu und schrie einfach „Sch***e ja!“ In sein Radio. Er war eindeutig von dem Ergebnis überwältigt und, nun ja, vielleicht ein wenig überdreht. „Wir hatten in der ersten Saisonhälfte ziemlich viel Pech, dies sieht nun jetzt aber etwas anders aus“, erklärte di Grassi in der Boxengasse. „Wir konnten fünf aufeinanderfolgende Podestplätze einfahren … und der Sieg hier in Zürich ist einfach das i-Tüpfelchen.“

Es war jedoch kein lockerer Sieg erklärt der Audi-Fahrer. „Zunächst war das Wochenende nicht einfach … In der zweiten Rennhälfte musste ich einfach verwalten, in der ersten Hälfte musste ich jedoch an allen vorbei. Dabei bin ich der Wand sehr nah gekommen und Andre hat wirklich gut verteidigt. Das Auto war allerdings schnell.“ Di Grassi kam in Mexiko-Stadt (5. Rennen) ohne Punkte an, konnte seitdem jedoch ein unglaubliches Comeback hinlegen. Er holte in Mexiko seine ersten Punkte und stand daraufhin vier Mal in Folge auf dem zweiten Platz. Mit seinem Sieg sitzt er nun in der Fahrerwertung mit 101 Punkten auf dem dritten Platz, jedoch ganze 62 Punkte hinter dem Führenden Vergne. „Unser Ziel ist die Konstrukteursmeisterschaft für Audi – das ist ein tolles Ziel, nachdem unsere erste Saisonhälfte so verlaufen ist“, sagte er. „Für mich ist wohl das beste Ergebnis der dritte Platz. Ich werde mich also darauf konzentrieren.“

Auf dem zweiten Platz lag Sam Bird von DS Virgin Racing, der Strafen, Einzelteile auf der Fahrbahn, Wände und Straßenbahnschienen vermeiden konnte, um das Rennen unversehrt zu beenden. Nach einem Schnitzer in der Super Pole startete der Brite das Rennen vom dritten Platz. „Nach dem Qualifying war ich enttäuscht. Ich hatte das Gefühl, eine echte Chance sausen gelassen zu haben, um mit der Pole drei zusätzliche Punkte zu holen“, erklärte Bird nach dem Rennen. „Die ersten zwei Drittel der Runde [in der Super Pole] waren ehrlich gesagt das Beste, was ich in der Formel E gezeigt habe und dann habe ich in der Schikane alles über den Haufen geworfen.“ Das sollte jedoch die kleinste Sorge des DS-Fahrers sein. Mit seinem zweiten Platz in Zürich konnte Bird sich weit vor den Führenden der Fahrerwertung Jean-Eric Vergne (Techeetah) setzen, der somit seinen Vorsprung nicht ausbauen und, am wichtigsten, die Meisterschaft nicht in Zürich entscheiden konnte. „Wir haben uns in diese fantastische Position gebracht und können hoffentlich mit dem zweiten Platz heute und ein wenig Glück in New York um die Meisterschaft kämpfen, denn wir wissen alle, was letztes Jahr in New York geschehen ist“, sagte er mit einem Lächeln.

Bird und Vergne trennen nur noch 23 Punkte, der gleiche Rückstand, den di Grassi vor dem Saisonfinale in Montreal hatte, bevor er letzte Saison die Meisterschaft holte. Die lang erwartete Meisterschaft ist für Bird also in Reichweite. „Ich muss [JEV] im ersten Rennen in New York schlagen, ganz einfach. Wenn ich das schaffe, dann habe ich eine Chance.“

Was genau bedeutet all dies jedoch für den Titelanwärter Vergne? Nun ja, nachdem der Franzose hier in der Schweiz den Titel nicht unter Dach und Fach bringen konnte (er hätte 19 Punkte mehr als Bird holen müssen, um den Titelkampf in Zürich zu beenden), kann Bird weiterkämpfen und Vergne wird seinen Vorsprung bis zum bitteren Ende verteidigen müssen. Dies sind zwar gute Neuigkeiten für Bird, der Druck liegt jedoch beim Doppel-Saisonfinale in New York City auf beiden Fahrern. „Das Rennen hat mir für New York Selbstvertrauen gegeben. Denn nun weiß ich, dass ich auch mit einem eventuell schlechten Qualifying in New York noch zurückkommen kann, da wir im Rennen schnell sein werden“, sagte Vergne zuversichtlich. „Wir werden das Ganze ruhig angehen, werden erstmal einen Tag das Rennen verdauen (das werde ich brauchen) und dann für New York alles perfekt vorbereiten. Das ist alles“, sagte er mit einem vielsagenden Lächeln.


Den dritten Platz holte sich Jerome d’Ambrosio von Dragon, der nach einem sauberen Qualifying und einer guten Super Pole das Rennen vom vierten Platz startete. „Wir haben lange darauf gewartet“, sagte d’Ambrosio voll mit Champagner und Konfetti von der Siegerehrung. „Man muss einfach immer und überall top sein. Das ist wohl Teil des Jobs als Formel-E-Fahrer“, erklärte er. Der Podestplatz in Zürich ist das beste Ergebnis des Belgiers nach seinem Sieg in Mexiko-Stadt und einem dritten Platz im Battersea Park in London, damals in der 2. Saison. „Man darf einfach keine Fehler machen. Das ganze Event findet an einem einzigen Tag statt, alles geht sehr schnell und mit einem Fehler steht man schnell ganz hinten.“

Für unsere Lokalmatadoren verlief das Rennen nicht wie erhofft: Für Sebastien Buemi von Renault e.dams verlief es enttäuschend, während Zürich für Edoardo Mortara von Venturi Formula E zum Desaster wurde, da er aufgrund technischer Probleme frühzeitig aufgeben musste. „Wir hatten einen mechanischen Defekt an der Aufhängung hinten rechts“, sagte der Schweizer. „Als ich in der Schikane über den Rand fuhr brach sie einfach, weshalb ich in die Wand krachte und das Spiel aus war.“ Nach einem vielversprechenden Start in seiner Formel-E-Karriere in Hongkong vermochte Mortara es in mehr als der Hälfte der Saisonrennen nicht, Punkte nach Hause zu holen und verpasste darüber hinaus das 9. Rennen in Berlin aufgrund des gleichzeitigen Rennens in der DTM. „Bis zu dem Ausfall haben wir die Energie und Temperatur gut gemanagt, das sah alles sehr gut aus … Das Ergebnis war dann sehr enttäuschend, wir waren ziemlich frustriert“, sagte er eindeutig niedergeschlagen.

Für Sebastien Buemi entwickelte sich ein siebter Startplatz letztendlich in einen fünften Platz, hauptsächlich aufgrund seiner Durchfahrtsstrafe für zu schnelles Fahren unter gelber Flagge. „Ich hätte besser abschneiden können. Die Strafe hat mich offensichtlich den Podestplatz gekostet, ich bin also ein wenig enttäuscht“, sagte er. Auch wenn er vor seinem Heimpublikum gerne auf das Podest gestiegen wäre, war es für den Renault-Fahrer weitaus mehr als nur ein Rennen. „Ich bin wirklich glücklich, dass ich heute hier war und das wird mir lange in Erinnerung bleiben. Das war ein historischer Tag.“ Buemi ist nun vierter in der Fahrerwertung, 71 Punkte hinter dem Führenden Vergne, 48 hinter dem zweitplatzeierten Sam Bird und lediglich neun hinter Lucas di Grassi, der momentan den dritten Platz innehat. Aktuell ist es mathematisch möglich, dass der ehemalige Champion noch auf den dritten Platz klettert, während die ersten beiden Plätze wohl eher ein Traum sind. Was den Konstrukteurstitel angeht, den Renault in allen drei Saisons geholt hat, scheint es wahrscheinlicher, dass sein eigenes Kundenteam, Techeetah, ihn sich beim letzten Rennen in New York holen wird.

Die Analyse des Rennens in Zürich wäre natürlich ohne Mitch – genau, Mitch Evans von Panasonic Jaguar Racing – nicht vollständig. Der Neuseeländer begann den Tag mit einer guten Leistung in den beiden freien Trainings und stahl in der Super Pole die Show, da er sich vor dem Rennen die Julius Bär Pole Position holte. Der Tag schien der beste seit der Rückkehr des britischen Autoherstellers zu werden, Evans musste hier in Zürich lediglich vorne bleiben, um in der Formel E den ersten Sieg für sich und sein Team zu ergattern. Doch es sollte nicht so sein. Vorne musste Evans mehrere Attacken von Andre Lotterer (Techeetah) und di Grassi parieren, die hungrig auf den Sieg waren. Evans konnte sie bis zur 16. Runde hinter sich halten, als seine Verteidigung zusammenbrach und di Grassi sich die Führung holen konnte. All dies erinnerte an Rom, denn Evans fiel auf den siebten Platz zurück, bevor er niedergeschlagen und völlig am Boden zerstört über die Ziellinie kam. Im Laufe der Saison fuhr der Jaguar-Fahrer besser als sein erfahrener Teamkollege (Nelson Piquet Jr) und steht in der Fahrerwertung drei Plätze über ihm auf dem siebten Platz. Das ist noch keine Leistung, die für einen Meisterschaftstitel ausreicht, zumindest noch nicht, doch Evans zeigte schon mehrere Male, dass er mit den erfahrenen Pros mithalten kann.

Die Europa-Kampagne der ABB FIA Formel E Meisterschaft geht mit Zürich zu Ende, wir fliegen nun in den Westen der USA für das langerwartete Saisonfinale auf den Straßen von New York City. Der Titelkampf wird wohl unter zwei Kandidaten ausgetragen, schaltet also ein, wenn der neue Champion gekrönt wird. Ready – fight.